Wie Olivenöl hergestellt wird: von der Ernte bis zur Flasche
Zwischen Baum und Flasche liegen wenige Stunden — oder mehrere Tage. Diese Zeitspanne entscheidet mehr über die Qualität als fast alles andere. Hier steht, was auf dem Weg passiert, an welchen Stellen Qualität entsteht und wo sie verloren geht.
Von Dimitri Baitinger · Aktualisiert am 29. Juli 2026 · 6 Min. Lesezeit
Auf einen Blick: Olivenöl ist ein reiner Saft. Es wird ausschließlich mechanisch gewonnen — gemahlen, gerührt, geschleudert. Kein Lösungsmittel, keine Wärmebehandlung, keine Raffination. Das unterscheidet natives Olivenöl extra von praktisch jedem anderen Speiseöl.
Zwei Stellschrauben entscheiden über den Polyphenolgehalt: der Erntezeitpunkt und die Temperatur beim Rühren. Beide kosten Ertrag. Deshalb macht sie nicht jeder.

Die Schritte im Überblick
Ernte
Von Hand, mit Rüttelkamm oder maschinell. Die Oliven fallen auf ausgelegte Netze. Der Zeitpunkt entscheidet über den Polyphenolgehalt.
Transport zur Mühle
In flachen Kisten, nicht in Säcken. Ab der Ernte beginnt die Oxidation — jede Stunde zählt.
Reinigung
Blätter werden abgesaugt, Erde und Steine abgewaschen. Zu viele Blätter machen das Öl bitter im falschen Sinn.
Mahlen
Die ganzen Oliven werden samt Kern zu einer Paste zermahlen. Früher mit Steinmühlen, heute meist mit Hammermühlen.
Malaxation
Die Paste wird 20 bis 45 Minuten langsam gerührt, damit sich die Öltröpfchen verbinden. Der kritischste Schritt — dazu unten mehr.
Zentrifugieren
Ein Dekanter trennt Öl, Wasser und Feststoffe durch Fliehkraft. Was herausläuft, ist fertiges Olivenöl.
Filtern oder absetzen lassen
Entweder mechanisch gefiltert oder über Wochen natürlich geklärt. Beides ist zulässig, beides hat Vor- und Nachteile.
Lagern und abfüllen
In Edelstahltanks unter Stickstoff, lichtgeschützt und kühl. Abgefüllt wird idealerweise erst kurz vor dem Versand.
Der gesamte Vorgang von Schritt 1 bis 6 sollte innerhalb von 24 Stunden abgeschlossen sein. Bei guten Betrieben dauert es weniger als sechs.
Aus der Praxis
Bevor Avivoil entstanden ist, bin ich jahrelang Berufskraftfahrer gewesen — ich kenne Lieferketten von der praktischen Seite. Was ein Tag mehr Standzeit bei einem Naturprodukt anrichtet, weiß ich aus eigener Anschauung. Genau deshalb ist die Nähe zur Mühle bei der Auswahl unserer Produzenten ein knallhartes Kriterium. Wenn die Mühle hinter der Finca steht, brauchst du keinen Lkw. Du brauchst einen Karren.
— Dimitri Baitinger, Gründer
Der Erntezeitpunkt entscheidet
Die Erntesaison in Spanien läuft von Oktober bis Februar. Wann innerhalb dieses Fensters gepflückt wird, verändert das Produkt grundlegend.
| Erntezeit | Olive | Ertrag | Polyphenole |
|---|---|---|---|
| Oktober / NovemberFrühernte | grün, hart | niedrig | hoch |
| DezemberHaupternte | violett | mittel | mittel |
| Januar / FebruarSpäternte | schwarz, weich | hoch | niedrig |
Der Unterschied ist erheblich. Aus derselben Menge Oliven gewinnt man bei später Ernte ungefähr doppelt so viel Öl wie bei früher. Umgekehrt kann der Polyphenolgehalt bei Frühernte um ein Mehrfaches höher liegen.
Warum Frühernte teurer ist
Es ist keine Marketingentscheidung, sondern Arithmetik. Wer im Oktober pflückt, erntet dieselbe Fläche ab und bekommt etwa die Hälfte heraus. Dieser fehlende Ertrag steckt im Preis. Ein echtes Frühernte-Öl ist unter rund 30 € pro Liter kaum herstellbar.
Für einen Betrieb ist das eine echte Abwägung: doppelte Menge zum Standardpreis oder halbe Menge mit einem Wert, den man belegen kann. Beides ist wirtschaftlich vertretbar — nur eben nicht dasselbe Produkt.
Malaxation: der Schritt, den niemand sieht
Nach dem Mahlen wird die Olivenpaste langsam gerührt. Das klingt unspektakulär und ist der Moment, in dem die meiste Qualität gewonnen oder verloren wird.
Beim Rühren verbinden sich die winzigen Öltröpfchen zu größeren, die sich später abtrennen lassen. Zwei Größen sind dabei einstellbar: Dauer und Temperatur. Beide wirken in dieselbe Richtung — länger und wärmer bringt mehr Öl.
Und beide zerstören Polyphenole.

Was „kaltextrahiert“ bedeutet
Die EU erlaubt die Angabe kaltextrahiert bzw. kaltgepresst, wenn die Temperatur bei der Verarbeitung 27 °C nicht überschreitet. Das ist die gesetzliche Grenze, keine Qualitätsaussage.
| Temperatur | Was passiert |
|---|---|
| unter 24 °C | Maximaler Polyphenolerhalt, geringste Ausbeute |
| 24 bis 27 °C | Gesetzlich noch „kalt“, messbare Verluste beginnen |
| über 27 °C | Nicht mehr als kaltextrahiert deklarierbar, deutlich mehr Ausbeute |
Die Begriffe „kaltgepresst“ und „kaltextrahiert“ bezeichnen unterschiedliche Verfahren — Pressung mit Matten, Extraktion mit Zentrifuge. Für die Temperaturgrenze gilt in beiden Fällen dasselbe. In der Praxis arbeitet heute fast jede Mühle mit Zentrifuge.
Trennung und Filtration
Im Dekanter wird die gerührte Paste geschleudert. Öl, Fruchtwasser und Trester haben unterschiedliche Dichten und trennen sich dabei. Was herausläuft, ist fertiges Olivenöl — trüb, mit Schwebstoffen, aber vollständig.

Danach gibt es zwei Wege. Filtration entfernt Wasser- und Fruchtreste. Das Öl wird klar und hält länger, verliert dabei aber einen kleinen Teil seiner Aromen. Natürliche Sedimentation lässt die Schwebstoffe über Wochen absinken. Das Öl bleibt intensiver, ist aber kürzer haltbar, weil die Reste mit der Zeit gären können.
Ausführlich: gefiltert oder ungefiltert
Woran du eine gute Produktion erkennst
Als Käufer stehst du nicht in der Mühle. Diese Angaben auf der Flasche verraten trotzdem einiges:
- Erntemonat statt nur Mindesthaltbarkeitsdatum. Wer den Monat nennt, hat nichts zu verbergen.
- Eine genannte Olivensorte. Sortenrein bedeutet: Es wurde nicht zusammengeschüttet, was gerade da war.
- Ein Säuregehalt deutlich unter 0,8 %. Hohe Säure entsteht durch beschädigte Oliven und lange Wartezeiten vor der Mühle.
- Ein Polyphenolwert mit Laborbericht. Er fasst Erntezeitpunkt, Sorte und Verarbeitung in einer Zahl zusammen.
- Ein benannter Betrieb oder eine Region. „Mischung von Ölen aus der EU“ heißt: Die Produktion ist nicht nachvollziehbar.
Am Tag der Ernte gepresst
Beide Familien ernten früh, wenn die Oliven noch grün sind, und pressen am selben Tag. Die Malaxation läuft unter 24 °C — das Foto oben stammt aus der Verarbeitung des Everyday.
Was dabei herauskommt, steht auf jeder Flasche: Erntemonat, Sorte, Säuregehalt, Polyphenolwert. Jede Charge einzeln analysiert.
Häufige Fragen
Wie wird Olivenöl hergestellt?
In acht Schritten: Ernte, Transport, Reinigung, Mahlen zur Paste, Malaxation, Zentrifugieren, Filtern oder Absetzen, Lagern und Abfüllen. Natives Olivenöl extra wird ausschließlich mechanisch gewonnen — ohne Lösungsmittel, ohne Wärmebehandlung, ohne Raffination.
Was bedeutet kaltextrahiert oder kaltgepresst?
Beide Angaben sind zulässig, wenn die Temperatur bei der Verarbeitung 27 °C nicht überschreitet. Das ist eine gesetzliche Obergrenze, keine Qualitätsaussage. Betriebe, die unter 24 °C arbeiten, erhalten mehr Polyphenole, gewinnen dabei aber weniger Öl.
Wann werden Oliven für Olivenöl geerntet?
Die Saison läuft in Spanien von Oktober bis Februar. Frühernte im Oktober und November liefert grüne Oliven mit hohem Polyphenolgehalt bei geringem Ertrag. Späternte im Januar und Februar bringt etwa doppelt so viel Öl, dafür deutlich weniger Polyphenole.
Warum ist Frühernte-Olivenöl teurer?
Weil aus derselben Fläche etwa die Hälfte an Öl gewonnen wird. Grüne, unreife Oliven enthalten weniger Öl als vollreife. Dieser fehlende Ertrag steckt im Preis — echtes Frühernte-Öl ist unter rund 30 € pro Liter kaum herstellbar.
Was ist Malaxation?
Das langsame Rühren der Olivenpaste über 20 bis 45 Minuten, damit sich die Öltröpfchen zu größeren verbinden. Es ist der kritischste Schritt: Längeres und wärmeres Rühren bringt mehr Öl, zerstört aber Polyphenole.
Wie lange darf es von der Ernte bis zur Mühle dauern?
So kurz wie möglich. Ab der Ernte beginnt die Oxidation, und beschädigte Oliven entwickeln freie Fettsäuren — das treibt den Säuregehalt hoch. Gute Betriebe pressen innerhalb weniger Stunden, spätestens am selben Tag.
Weiterlesen: Polyphenole im Olivenöl · Spanisches Olivenöl · Gefiltert oder ungefiltert · Richtig lagern
Über den Autor
Dimitri Baitinger
Gründer von Avivoil. Kauft spanisches Olivenöl direkt bei zwei Familienbetrieben in Andalusien ein, besucht die Betriebe vor Ort und lässt jede Charge im Labor analysieren. Schreibt hier über das, was er dabei gelernt hat — auch über die eigenen Fehlversuche.
