
Kaltextraktion bei Olivenöl –
warum 27 °C die Eintrittskarte sind, nicht das Ziel
„Kaltextrahiert“ steht auf fast jeder Flasche nativem Olivenöl extra. Das ist auch korrekt – die EU schreibt für diese Kategorie vor, dass die Verarbeitungstemperatur bei der Pressung 27 °C nicht überschreiten darf. Was aber kaum jemand sagt: 27 °C ist die gesetzliche Obergrenze, nicht das Qualitätsoptimum. Was zwischen 20 °C und 27 °C passiert, ist der eigentliche Unterschied zwischen einem soliden und einem polyphenolreichen Öl. Drei Grad Differenz können 15 bis 25 Prozent der Polyphenole kosten — und das entscheidet ob ein Öl den EFSA-Health-Claim erreicht oder nicht.
Was Kaltextraktion bedeutet – gesetzlich und praktisch
Die EU-Verordnung 29/2012 regelt die Kennzeichnung von Olivenöl. Für die Begriffe „kaltgepresst“ und „kaltextrahiert“ gilt eine klare Vorgabe: Die Olivenpaste darf während Malaxation und Extraktion eine Temperatur von 27 °C nicht überschreiten.
Das bedeutet konkret:
- Beim Kneten der Olivenpaste (Malaxation) maximal 27 °C
- Bei der Zentrifuge oder Presse maximal 27 °C
- Gilt nur für nativ extra und nativ — raffinierte Öle dürfen die Bezeichnung nicht tragen
- Die Einhaltung muss vom Produzenten dokumentiert werden
Kaltgepresst vs. kaltextrahiert
Traditionelles Verfahren mit hydraulischen Pressen und Pressmattensystemen. Die Olivenpaste wird zwischen Matten geschichtet und mit hydraulischem Druck gepresst. Sehr geringe Ausbeute, sehr schonend. Heute fast nur noch in kleinen Traditionsbetrieben anzutreffen.
Modernes Zentrifugenverfahren mit Dekanter-Technologie. Die Olivenpaste wird in einem kontinuierlichen Prozess durch Zentrifugalkraft getrennt. Höhere Ausbeute, präzise kontrollierbar, hygienisch sauber. Der korrekte Begriff für über 95 % der modernen Olivenölproduktion.
Im Alltag werden beide Begriffe synonym verwendet — und beide sind laut EU-Verordnung zulässig wenn die Temperaturgrenze eingehalten wurde. Der fachlich korrekte Begriff für modernes Olivenöl ist kaltextrahiert, nicht kaltgepresst. Wer auf einem Supermarktetikett „kaltgepresst“ liest, kauft mit hoher Wahrscheinlichkeit trotzdem zentrifugiertes Öl — der Begriff ist historisch verwurzelt, technisch aber häufig ungenau.
Der kritische Schritt: Malaxation
Die Malaxation — das langsame Kneten der zerkleinerten Olivenpaste — ist der temperaturkritischste Schritt der gesamten Olivenölproduktion. Hier entscheidet sich vieles über den endgültigen Polyphenolgehalt.
Frisch geerntete Oliven mit minimalem Druckstellenanteil. Premiumproduzenten verarbeiten die Früchte innerhalb weniger Stunden — der enzymatische Abbau beginnt mit dem Pflücken.
Die Oliven werden gewaschen und in einem Hammer- oder Schneidwerk zu einer homogenen Paste zerkleinert. Polyphenole werden durch enzymatische Reaktionen aus den Zellen freigesetzt.
Die Paste wird in beheizten Knetern 20 bis 45 Minuten gerührt. Das verbindet kleine Öltröpfchen zu größeren — je wärmer und länger, desto mehr Öl. Aber auch: je wärmer, desto mehr Polyphenolabbau durch hitzesensitive Enzyme.
Die Paste wird bei hoher Drehzahl (3.000–3.500 U/min) zentrifugiert. Öl, Vegetationswasser und Feststoffe trennen sich durch unterschiedliche Dichte. Reibungswärme muss gegengesteuert werden.
Feinreinigung des Öls. Restliche Wasseranteile werden entfernt, optional Filtration. Das fertige Öl gelangt in inertisierte Edelstahltanks zur Lagerung bis zur Abfüllung.
Warum Temperatur Polyphenole zerstört
Polyphenolabbau durch Hitze verläuft über zwei Wege — einen enzymatischen und einen thermischen:
Enzymatischer Weg: Polyphenol-Oxidase und Peroxidase — Enzyme die in der Olive selbst sitzen — sind bis etwa 40 °C aktiv. Sie oxidieren Polyphenole zu farbigen Quinonen und anderen, weniger wirksamen Verbindungen. Bei 24 °C arbeiten diese Enzyme deutlich weniger schnell als bei 27 °C. Genau dieser Unterschied macht sich am Ende in der Polyphenolkonzentration bemerkbar.
Thermischer Weg: Direkte Hitzedenaturierung der Polyphenole — besonders der flüchtigen Aromaverbindungen und thermolabilen Secoiridoide wie Oleuropein und Ligstrosid. Ab etwa 30 °C beschleunigt sich der Prozess merklich, aber auch zwischen 24 und 27 °C gibt es messbare Verluste.
27 °C vs. 24 °C – der Unterschied in Zahlen
Klingt nach wenig. Ist es nicht. Mehrere Studien zur Malaxationstemperatur zeigen konsistente Ergebnisse:
- Bei 20 °C Malaxation: maximaler Polyphenolerhalt, aber spürbar geringere Ölausbeute (etwa 15 bis 18 % weniger Öl pro Tonne Oliven)
- Bei 24 °C Malaxation: sehr guter Polyphenolerhalt (etwa 5 bis 10 % Verlust gegenüber 20 °C), deutlich bessere Ausbeute
- Bei 27 °C Malaxation: merklicher Polyphenolverlust (etwa 15 bis 25 % gegenüber 20 °C), gute Ausbeute
- Bei 30 °C+ Malaxation: erheblicher Polyphenolverlust (30 bis 50 % gegenüber 20 °C), maximale Ausbeute
Das Dilemma: mehr Öl oder mehr Polyphenole
Das ist der zentrale Interessenkonflikt in der modernen Olivenölproduktion. Höhere Malaxationstemperaturen erhöhen die Ölausbeute — mehr Liter pro Tonne Oliven bedeuten mehr Einnahmen. Niedrigere Temperaturen schonen die Polyphenole, liefern aber weniger Öl.
Ein Produzent der zwischen 24 °C und 27 °C wählt, wählt faktisch zwischen:
- 24 °C: rund 15 bis 20 % weniger Öl pro Tonne, aber deutlich mehr Polyphenole. Wirtschaftlich schlechter, qualitativ besser.
- 27 °C: mehr Öl, weniger Polyphenole. Gesetzlich vollständig konform und mit „kaltextrahiert“ auszeichenbar.
Diese Entscheidung trifft jeder Produzent jährlich neu. Wer auf Ausbeute optimiert, kann dieselbe Aufschrift „kaltextrahiert“ tragen wie ein Premiumbetrieb — und trotzdem ein substanziell polyphenolarmeres Öl produzieren. Auf dem Etikett ist dieser Unterschied nicht sichtbar.
Was unter 24 °C in der Praxis bedeutet
Die Entscheidung zugunsten der Polyphenole und gegen die Ausbeute ist eine bewusste wirtschaftliche Wahl — und sie zeigt sich nicht auf dem Etikett. Sie zeigt sich im Laborwert. Avivoil arbeitet ausschließlich mit Familienbetrieben in Andalusien zusammen, die diese Wahl bewusst treffen — was sich an den 714 bis 1.362 mg/kg Polyphenolen im Sortiment wiederspiegelt.
Die Kette der Qualitätsentscheidungen, die zu solchen Werten führen, beginnt deutlich vor der Malaxation:
- Oktober-Frühernte (maximale Polyphenole im Rohstoff)
- Pressung innerhalb weniger Stunden nach der Ernte (minimaler enzymatischer Abbau vor der Mühle)
- Malaxation deutlich unter dem EU-Maximum (minimaler Polyphenolverlust beim kritischsten Schritt)
- Schonende Filtration (für stabile Haltbarkeit ohne Aromaverlust)
- Lagerung in inertisierten Edelstahltanks unter Stickstoff (Oxidationsschutz bis zur Abfüllung)
- Laboranalyse vor der Abfüllung (Verifikation des Polyphenolwerts)
Jeder dieser Schritte optimiert auf den Polyphenolerhalt. Die Malaxationstemperatur ist Schritt 3 — und einer der am häufigsten unterschätzten. Den vollständigen Herstellungsprozess erklärt der Ratgeber Herstellung von Olivenöl. Den Zusammenhang zwischen Polyphenolgehalt und Qualität beleuchtet Polyphenole im Olivenöl.
Kaltextrahiert ist Pflicht. Was darunter liegt, entscheidet die Qualität.
Jedes native Olivenöl extra muss kaltextrahiert sein — unter 27 °C. Das ist gesetzliche Pflicht, keine Auszeichnung. Was oberhalb dieser Mindestgrenze liegt, entscheidet jeder Produzent selbst: zwischen 20 und 27 °C gibt es erhebliche Polyphenolunterschiede, die sich nicht auf der Flasche ablesen lassen.
Premiumproduzenten in Andalusien wählen meist deutlich unter dem gesetzlichen Maximum — weil hohe Polyphenolwerte im Endprodukt diese Wahl voraussetzen. Auf dem Etikett ist das nicht sichtbar. Im Laborbericht schon. Avivoil-Laborberichte als PDF →
Was bedeutet Kaltextraktion bei Olivenöl?
Kaltextraktion bedeutet, dass die Olivenpaste beim Kneten (Malaxation) und beim Zentrifugieren eine Temperatur von 27 °C nicht überschreitet — gesetzlich geregelt durch EU-Verordnung 29/2012. Nur native Olivenöle und natives Olivenöl extra dürfen die Bezeichnung tragen. Ziel ist der Erhalt von Polyphenolen, Aromastoffen und anderen wertvollen Inhaltsstoffen, die durch Hitze abgebaut werden.
Was ist der Unterschied zwischen kaltgepresst und kaltextrahiert?
Kaltgepresst stammt aus der traditionellen Produktion mit hydraulischen Pressen und Pressmatten. Kaltextrahiert ist der korrekte Begriff für das moderne Zentrifugenverfahren mit Dekanter-Technologie. Beide Begriffe sind laut EU-Verordnung zulässig wenn die 27 °C-Grenze eingehalten wurde. In der Praxis sind fast alle modernen Öle zentrifugiert — der Begriff „kaltgepresst“ ist historisch verwurzelt, technisch aber häufig ungenau.
Warum pressen Premiumproduzenten unter 24 °C statt der erlaubten 27 °C?
Weil jedes Grad mehr bei der Malaxation Polyphenole kostet. Studien zeigen 15 bis 25 % mehr Polyphenolverlust bei 27 °C gegenüber 24 °C. Für hohe Polyphenolwerte (700+ mg/kg) ist das die Differenz zwischen Ziel erreicht und Ziel verfehlt. Die 3 °C Differenz kosten 15 bis 20 % weniger Öl pro Tonne Oliven — das ist der wirtschaftliche Preis für maximale Polyphenolqualität.
Garantiert die Aufschrift „kaltextrahiert“ einen hohen Polyphenolgehalt?
Nein. Zwei Öle mit der Aufschrift „kaltextrahiert“ können Polyphenolgehalte von 80 mg/kg und 1.300 mg/kg haben — beide vollständig gesetzeskonform. Die Aufschrift garantiert nur, dass die 27 °C-Grenze eingehalten wurde, nicht welche tatsächliche Temperatur verwendet wurde, nicht den Erntezeitpunkt, nicht die Olivensorte. Für einen verlässlichen Polyphenolgehalt braucht man einen aktuellen Laborwert.
Was ist Malaxation und warum ist sie so wichtig?
Malaxation ist das Kneten der zerkleinerten Olivenpaste in Knettrögen — typischerweise 20 bis 45 Minuten lang. Dabei verbinden sich kleine Öltröpfchen zu größeren, damit sie später bei der Zentrifugation effizienter getrennt werden können. Es ist der temperaturkritischste Schritt der gesamten Produktion: höhere Temperaturen erhöhen die Ölausbeute, aktivieren aber Polyphenol-Oxidase und andere Enzyme, die Polyphenole abbauen. Premiumproduzenten arbeiten daher deutlich unter dem EU-Maximum.
Autor
Dimitri Baitinger
Gründer von Aviv & Olivenöl-Kurator
Dimitri weiß aus eigener Erfahrung, warum Lebensmittelqualität zählt. Was auf Wochenmärkten mit handbeklebten Flaschen begann, ist heute Aviv: ein direkter Draht zu spanischen Familienbetrieben, laborgeprüfte Polyphenolwerte und der Anspruch, nie Kompromisse zu machen. Er lebt, was er verkauft.
