Kaltextraktion Olivenöl – was der Begriff bedeutet und warum 27°C nicht genug sind

Kaltextraktion Olivenöl –
was der Begriff bedeutet und warum 27°C nicht reichen

🏆 Qualität ⏱ 5 Min. Lesezeit ✔ Von Aviv geprüft

„Kaltextrahiert“ steht auf fast jeder Flasche nativem Olivenöl extra. Das stimmt auch – denn die EU schreibt für diese Kategorie vor, dass die Verarbeitungstemperatur unter 27°C bleibt. Aber 27°C ist das gesetzliche Minimum, nicht das Qualitätsoptimum. Avivs Produzenten pressen unter 24°C – weil schon die Differenz von wenigen Grad messbare Auswirkungen auf den Polyphenolgehalt hat. Dieser Ratgeber erklärt warum Temperatur so entscheidend ist und was „kaltextrahiert“ wirklich bedeutet.

Was Kaltextraktion bedeutet – gesetzlich und praktisch

Die EU-Verordnung 29/2012 regelt die Kennzeichnung von Olivenöl. Für die Begriffe „kaltgepresst“ und „kaltextrahiert“ gilt: Die Paste darf während der Malaxation und Extraktion eine Temperatur von 27°C nicht überschreiten.

Das bedeutet konkret:

  • Beim Kneten der Olivenpaste (Malaxation) maximal 27°C
  • Bei der Zentrifuge oder Presse maximal 27°C
  • Gilt nur für nativ extra und nativ – raffinierte Öle dürfen diese Bezeichnung nicht tragen
  • Die Einhaltung muss vom Produzenten dokumentiert werden
Was das Etikett aussagt und nicht aussagt: „Kaltextrahiert“ auf der Flasche bedeutet nur dass die gesetzliche Grenze von 27°C eingehalten wurde. Es sagt nichts über die tatsächliche Temperatur (22°C? 26,5°C?), die Dauer der Malaxation, die Schnelligkeit der Verarbeitung nach der Ernte oder den resultierenden Polyphenolgehalt. Es ist die Eintrittskarte – nicht das Qualitätsversprechen.

Kaltgepresst vs. kaltextrahiert

Historisch · Heute selten
Kaltgepresst

Traditionelles Verfahren mit hydraulischen Pressen und Pressmattensystemen. Die Olivenpaste wird zwischen Matten geschichtet und mit hydraulischem Druck gepresst. Sehr geringe Ausbeute, aber schonend. Heute in kleinen Traditionsbetrieben noch anzutreffen.

Modern · Industriestandard
Kaltextrahiert

Modernes Zentrifugenverfahren (Dekanter). Die Olivenpaste wird in einem kontinuierlichen Prozess durch Zentrifugalkraft getrennt. Höhere Ausbeute, besser kontrollierbar, hygienisch sauber. Der korrekte Begriff für über 95 % der modernen Olivenölproduktion.

Im Alltag werden beide Begriffe synonym verwendet – und beide sind laut EU-Verordnung zulässig wenn die Temperaturgrenze eingehalten wurde. Der fachlich korrekte Begriff für modernes Olivenöl ist kaltextrahiert, nicht kaltgepresst. Wer heute „kaltgepresst“ auf einem Supermarktetikett liest, kauft wahrscheinlich trotzdem zentrifugiertes Öl – der Begriff ist historisch eingewurzelt, technisch aber oft ungenau.

Der kritische Schritt: Malaxation

Die Malaxation – das Kneten der Olivenpaste – ist der temperaturkritischste Schritt der gesamten Olivenölproduktion. Hier entscheidet sich viel über den endgültigen Polyphenolgehalt.

🌿
1. Ernte und Transport

Frisch geerntete Oliven mit minimalem Druckstellenanteil. Avivs Produzenten: innerhalb von 4 Stunden in der Mühle. Enzymatischer Abbau beginnt ab der Ernte.

Temperatur: Umgebungstemperatur (~15–20°C im Oktober)
🔄
2. Waschen und Zerkleinern

Oliven werden gewaschen und in einem Hammer- oder Schneidwerk zu einer homogenen Paste zerkleinert. Polyphenole werden durch enzymatische Reaktionen aus den Zellen freigesetzt.

Temperatur: unkritisch wenn kurz (~10–20°C)
🌡️
3. Malaxation (Kneten) – der kritische Schritt

Die Paste wird in beheizten Knetern 20–45 Minuten gerührt. Das verbindet kleine Öltröpfchen zu größeren – je wärmer und länger, desto mehr Öl. Aber auch: je wärmer, desto mehr Polyphenolabbau durch hitzesensitive Enzyme.

EU-Maximum: 27°C · Avivs Standard: unter 24°C
⚙️
4. Zentrifuge (Dekanter)

Die Paste wird bei hoher Drehzahl (3.000–3.500 U/min) zentrifugiert. Öl, Vegetation Water und Feststoffe trennen sich durch unterschiedliche Dichte. Temperatur durch Reibung kontrollieren.

Temperatur: kontrolliert, idealerweise unter Malaxationstemperatur
🫙
5. Vertikale Zentrifuge und Filtration

Feinreinigung des Öls. Restliche Wasseranteile werden entfernt, optional Filtration. Das fertige Öl gelangt in inertisierte Edelstahltanks zur Lagerung bis zur Abfüllung.

Temperatur: unkritisch in diesem Schritt

Warum Temperatur Polyphenole zerstört

Polyphenolabbau durch Hitze verläuft über zwei Wege – einen enzymatischen und einen thermischen:

Enzymatischer Weg: Polyphenol-Oxidase und Peroxidase – Enzyme in der Olive – sind bis zu etwa 40°C aktiv. Sie oxidieren Polyphenole zu farbigen Quinonen und anderen Verbindungen. Bei 24°C sind diese Enzyme weniger aktiv als bei 27°C. Das macht einen messbaren Unterschied in der endgültigen Polyphenolkonzentration.

Thermischer Weg: Direkte Hitzedenaturierung der Polyphenole – besonders der flüchtigen Aromaverbindungen und thermolabilen Secoiridoide. Bei über 30°C beginnt dieser Prozess beschleunigt, aber auch zwischen 24°C und 27°C gibt es messbare Verluste.

Avivs Standardunter 24°C
< 24°C
EU-Maximum kaltGesetzliche Grenze
27°C
EnzymaktivitätszonePolyphenol-Oxidase aktiv
30–40°C
Warm gepresstMehr Ausbeute, weniger Qualität
35–45°C

27°C vs. 24°C – der Unterschied in Zahlen

Klingt nach wenig. Ist es nicht. Mehrere Studien zur Malaxationstemperatur zeigen konsistente Ergebnisse:

  • Bei 20°C Malaxation: maximaler Polyphenolerhalt, aber geringere Ölausbeute (ca. 15–18 % weniger Öl pro Tonne Oliven)
  • Bei 24°C Malaxation: sehr guter Polyphenolerhalt (~5–10 % Verlust gegenüber 20°C), deutlich bessere Ausbeute
  • Bei 27°C Malaxation: merklicher Polyphenolverlust (~15–25 % gegenüber 20°C), gute Ausbeute
  • Bei 30°C+ Malaxation: erheblicher Polyphenolverlust (~30–50 % gegenüber 20°C), maximale Ausbeute
Was das für Avivs 700+ mg/kg bedeutet: Würde Avivs Produzent bei 27°C statt 24°C malaxieren, würde das Öl vielleicht 560–595 mg/kg statt 700+ mg/kg erreichen. Immer noch sehr gut – aber unter Avivs Standard. Die 3°C Differenz kostet 15–25 % der Polyphenole. Das ist der Grund warum Avivs Produzenten bewusst unter 24°C bleiben, auch wenn das weniger Öl bedeutet.

Das Dilemma: mehr Öl oder mehr Polyphenole

Das ist der zentrale Interessenkonflikt in der Olivenölproduktion. Höhere Temperaturen bei der Malaxation erhöhen die Ölausbeute – mehr Liter Öl pro Tonne Oliven bedeuten mehr Einnahmen. Niedrigere Temperaturen schonen die Polyphenole, liefern aber weniger Öl pro Tonne.

Ein Produzent der zwischen 24°C und 27°C wählt, wählt faktisch zwischen:

  • 24°C: ~15–20 % weniger Öl pro Tonne, aber 15–25 % mehr Polyphenole. Wirtschaftlich schlechter, qualitativ besser.
  • 27°C: mehr Öl, weniger Polyphenole. Gesetzlich vollständig konform und mit „kaltextrahiert“ auszeichenbar.

Avivs Produzenten wählen 24°C – weil das Versprechen von 700+ mg/kg Polyphenolen diese Entscheidung erzwingt. Ein Produzent der auf Ausbeute optimiert, kann dieselbe Aufschrift „kaltextrahiert“ tragen und trotzdem ein substanziell polyphenolarmeres Öl produzieren.

⚠️ Was „kaltextrahiert“ nicht garantiert: Zwei Flaschen mit der Aufschrift „kaltextrahiert, nativ extra“ können Polyphenolgehalte von 80 mg/kg und 700+ mg/kg haben – beide vollständig gesetzeskonform. Die Aufschrift allein garantiert keinen Polyphenolgehalt. Nur ein Laborwert tut das. Kaltextrahiert ist die notwendige Bedingung – kein hinreichendes Qualitätsversprechen.

Avivs Temperaturstandard

Avivs Qualitätsanforderungen an die Produzenten in Andalusien umfassen explizit die Malaxationstemperatur. Unter 24°C ist nicht nur Empfehlung sondern Bedingung – weil es für den 700+ mg/kg Standard keine Alternative gibt.

Die Kette der Qualitätsentscheidungen die zum Ergebnis führen:

  1. Oktober-Frühernte (maximale Polyphenole im Rohstoff)
  2. Pressung innerhalb von 4 Stunden (minimaler enzymatischer Abbau vor der Mühle)
  3. Malaxation unter 24°C (minimaler Polyphenolverlust beim kritischsten Schritt)
  4. Schonende Filtration (5–10 % Verlust, stabile Haltbarkeit)
  5. Lagerung in inertisierten Edelstahltanks (Oxidationsschutz bis zur Abfüllung)
  6. Laboranalyse vor Abfüllung (Verifikation des 700+ mg/kg Werts)

Jeder Schritt optimiert auf Polyphenolerhalt. Die Malaxationstemperatur ist Schritt 3 – und einer der am meisten unterschätzten.

Den vollständigen Herstellungsprozess erklärt der Ratgeber Herstellung von Olivenöl. Den Zusammenhang zwischen Polyphenolgehalt und Qualität beleuchtet Polyphenole im Olivenöl.

Fazit

Kaltextrahiert ist der Standard – unter 24°C ist Avivs Standard

Jedes native Olivenöl extra muss kaltextrahiert sein – unter 27°C. Das ist die gesetzliche Pflicht, keine Qualitätsauszeichnung. Was oberhalb der gesetzlichen Mindestgrenze liegt, entscheidet der Produzent: zwischen 20°C und 27°C gibt es erhebliche Polyphenolunterschiede.

Avivs Produzenten wählen unter 24°C – weit unter dem gesetzlichen Maximum – weil der 700+ mg/kg Standard das fordert. Das ist nicht auf jedem Etikett sichtbar. Es zeigt sich im Laborwert.

Häufige Fragen
Was bedeutet Kaltextraktion bei Olivenöl? +

Kaltextraktion bedeutet dass die Olivenpaste beim Kneten (Malaxation) und Zentrifugieren eine Temperatur von 27°C nicht überschreitet – gesetzlich geregelt durch EU-Verordnung 29/2012. Nur nativ extra und natives Olivenöl dürfen diese Bezeichnung tragen. Das Ziel ist der Erhalt von Aromastoffen, Polyphenolen und anderen wertvoller Inhaltsstoffe die durch Hitze abgebaut werden würden.

Was ist der Unterschied zwischen kaltgepresst und kaltextrahiert? +

Kaltgepresst stammt aus der traditionellen Produktion mit hydraulischen Pressen und Pressmatten. Kaltextrahiert ist der korrekte Begriff für modernes Zentrifugenverfahren (Dekanter-Technologie). Beide Begriffe sind laut EU-Verordnung zulässig wenn die 27°C-Grenze eingehalten wurde. In der Praxis meinen fast alle modernen Öle mit „kaltgepresst“ auf dem Etikett tatsächlich zentrifugiertes Öl – der Begriff ist historisch verwurzelt, technisch aber oft ungenau.

Warum presst Aviv unter 24°C statt bei den erlaubten 27°C? +

Weil jedes Grad mehr bei der Malaxation Polyphenole kostet. Studien zeigen 15–25 % mehr Polyphenolverlust bei 27°C gegenüber 24°C. Für Avivs 700+ mg/kg Standard ist das die Differenz zwischen Ziel erreicht und Ziel verfehlt. Die 3°C Differenz kosten weniger Öl pro Tonne Oliven – das ist der wirtschaftliche Preis für maximale Polyphenolqualität den Avivs Produzenten bewusst zahlen.

Garantiert die Aufschrift „kaltextrahiert“ einen hohen Polyphenolgehalt? +

Nein. Zwei Öle mit „kaltextrahiert“ können 80 mg/kg und 700+ mg/kg Polyphenole haben – beide vollständig gesetzeskonform. Die Aufschrift garantiert nur dass die 27°C-Grenze eingehalten wurde, nicht welche tatsächliche Temperatur verwendet wurde (22°C? 26,5°C?), nicht den Erntezeitpunkt, nicht die Olivensorte. Für einen verlässlichen Polyphenolgehalt braucht man einen Laborwert – nicht nur das Etikett.

Was ist Malaxation und warum ist sie so wichtig? +

Malaxation ist das Kneten der zerkleinerten Olivenpaste in Knettrögen – typischerweise 20–45 Minuten. Dabei verbinden sich kleine Öltröpfchen zu größeren damit sie später bei der Zentrifugation effizienter getrennt werden können. Es ist der temperaturkritischste Schritt der gesamten Produktion: höhere Temperaturen erhöhen die Ölausbeute aber aktivieren Polyphenol-Oxidase und andere Enzyme die Polyphenole abbauen. Avivs Standard von unter 24°C beim kritischsten Schritt ist ein zentrales Qualitätsmerkmal.

Dimitri Baitinger, Gründer von Aviv Olivenöl, in einem andalusischen Olivenhain.

Autor

Dimitri Baitinger

Gründer von Aviv & Olivenöl-Kurator

Dimitri weiß aus eigener Erfahrung, warum Lebensmittelqualität zählt. Was auf Wochenmärkten mit handbeklebten Flaschen begann, ist heute Aviv: ein direkter Draht zu spanischen Familienbetrieben, laborgeprüfte Polyphenolwerte und der Anspruch, nie Kompromisse zu machen. Er lebt, was er verkauft.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert